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hookahMag: Tabak selbst anbauen, Teil 4

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tabakanbau
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BeitragVerfasst am: 10.01.2007, 00:49   

Tabak selbst anbauen, Teil 4

Erschienen im hookahMag - Fachmagazin für orientalische Wasserpfeifen
Ausgabe 4 - Januar 2007, S. 56-60.
ISSN 1862-5010.


Von der Pfeife in den Kopf - Gedanken über den Shishatabak


Die ersten drei Teile dieser Serie befassten sich mit der Praxis, dem Anbau von Tabak im eigenen Garten und der Herstellung von Shishatabak. Fast täglich senden verunsicherte Eltern Emails an Tabakanbau.de, ob sie ihren minderjährigen Kindern die Shisha erlauben können. Daher geht es im abschließenden vierten Teil darum, sich Gedanken über den Tabak, den Rauch und die Gesundheit zu machen.


Was gedeiht in meinem Garten?
Ein Blick ins Reich der Nachtschattengewächse



Der Dufttabak Nicotiana alata gehört zur Urform unseres heutigen Virginischen Tabaks

Bei Tabak denken wir an eine hohe Pflanze mit großen Blättern und rosaroten Blüten. Dabei gibt es mehrere hundert Arten von Tabak, die gar nicht danach aussehen. Der Scharlachkönig zum Beispiel mit seinen Blättchen und den langen tiefvioletten Stielblüten, oder der Dufttabak Nicotiana alata, der in Omas Garten nicht fehlen durfte und dessen lange weiße Kelchblüten in der Abenddämmerung einen angenehm süßlichen, aber dennoch schweren Duft ausgießen.

Die meisten Tabakarten haben äußerlich nichts mit dem uns bekannten Orient-, Virginia- oder Zigarrentabak gemein und gehören dennoch in dieselbe Gattung der Nachtschattengewächse, aus denen der Shishatabak entspringt. Sie haben nichts mit einem Schatten im nächtlichen Mondlicht oder ähnlichem zu tun: Nachtschatten ist ein alter Begriff für Albtraum, was im Grunde alles über die Pflanzengattung aussagt. Die Tollkirsche oder der Stechapfel gehören dazu, aber auch die Tomate oder Kartoffel, deren oberirdischen Früchte man besser nicht verzehren sollte. Ihnen ist ein charakteristischer Wirkstoff gemeinsam, der meist schon in geringen Mengen tödlich, in hoher Verdünnung aber anregend wirkt.


Wie der Tabak gehört auch die Tomate zur Gattung der Nachtschattengewächse - die Setzlinge sind im frühen Wachstumsstadium kaum zu unterscheiden

Diese sogenannten Alkaloide wie das Nikotin im Tabak haben an sich nichts in den Pflanzen zu suchen. Sie haben keine Aufgabe im Pflanzenstoffwechsel, sondern sind einfach nur da. Als Abfallprodukt beim Wurzelwachstum entstehen sie an der Wurzelspitze, wo bestimmte Formen des Bodenstickstoffs in eine Form umgewandelt werden, die für den Zellaufbau verwertbar sind. Die Wurzelspitzen enthalten daher das meiste Nikotin der ganzen Pflanze, das über den Pflanzenstoffwechsel in die Blätter transportiert wird und sich vor allem dort ablagert, wo am meisten Wasser verdunstet: In den Blattspitzen. Die oberen Blätter enthalten daher auch mehr Nikotin als die unteren, während die Blüten und der Stängel praktisch nikotinfrei sind.

Der heute kultivierte Tabak ist eine Mischform von Omas Dufttabak mit anderen Tabakarten, dessen Ursprünge ins südamerikanische Peru zurückverfolgt werden können. Dort trafen sich vor vielen Tausend Jahren Nicotiana alata in Paraguay und Uruguay sowie eine andere Form aus Argentinien mit einer Filztabakart namens Nicotiana tomentosiformis, aus deren Kreuzung die Urform unseres heutigen Tabaks entstand. Die Azteken und andere südamerikanische Völker kultivierten ihn und brachten ihn über den karibischen Raum bis nach Nordamerika, wo er dann mit britischen, portugiesischen und spanischen Seeleuten nach Europa gelangte. Dies wird zumindest aus genetischen Untersuchungen der einzelnen Tabakarten vermutet, denn Nicotiana tabacum enthält einen doppelten Chromosomensatz, der sich mit den Ursprungsarten gut deckt. Sicher ist nur, dass es sich bei nicht um die Rache Montezumas handelte, denn der Tabak wurde als wundersames Heilkraut nach Europa eingeführt.


Gift oder Vitamin?
Legenden und Tatsachen über das Nikotin



So sehen die Chemiker das Nikotin, eine aromatische Verbindung aus der Gruppe der Pyridine

Wenn es um die gesundheitliche Wirkung von Tabak geht, gehört Nikotin zu den am stärksten verdammten Wirkstoffen. Die deutschen Chemiker Ludwig Reimann (1804-1872) und Christian Wilhelm Posselt (1806-1877) konnten diese farblose, sirupartige Flüssigkeit 1828 erstmals aus Tabak isolieren und deren Wirkung auf Tiere untersuchen. Schnell wurde die hohe Giftigkeit der Substanz klar: Bei Erwachsenen liegt die tödliche Dosis bei 40-100 Milligramm, was der inhalierten Menge von 20-50 Zigaretten entspricht. Dies entspricht mindestens 30 Shisha-Sitzungen, die an einem Tag allerdings gar nicht zu schaffen sind.

Die Aufnahme geringer Mengen von Nikotin wirkt zunächst blutdrucksteigernd und darmanregend. Es setzt im zentralen Nervensystem Transmitter frei, die bei größeren Mengen zu Krämpfen und schließlich zu Atemlähmung führen. Bei chronischen Rauchern werden zudem durch die Wirkung des Nikotins die Blutgefäße verengt, was zu Durchblutungsstörungen, höherem Blutdruck und damit zu Kreislaufkrankheiten führt. Zu einem erhöhten Lungenkrebsrisiko trägt das Nikotin jedoch entgegen gängiger Meinungen nicht bei, dafür sind vielmehr die im Kondensat enthaltene und durch die Wassersäule ausgefilterten Kohlenwasserstoffe verantwortlich.

Da sich alle Nachtschattengewächse durch ein charakteristisches Alkaloid unterscheiden, wurde Nikotin ursprünglich für das Charakteristikum von Tabakgewächsen gehalten. Nikotin und viele abgeleiteten Verbindungen sind in der Natur jedoch sehr stark verbreitet und kommen beispielsweise auch in der Kartoffel, Tomate oder Aubergine vor. Besonders die Nikotinsäure ist in der Natur allgegenwärtig. Sie gehört zur Vitamin-B-Gruppe, ohne die praktisch keine biochemischen Prozesse im Körper ablaufen können. Der menschliche Organismus kann Nikotinsäure sogar selbst herstellen, die Menge reicht jedoch nicht aus und muss über die Nahrungsaufnahme ergänzt werden. Nikotinreicher Tabak wie der Bauerntabak (Nicotiana rustica) wird heute noch zur Nikotin- und daraus Nikotinsäuregewinnung für die Arzneimittelherstellung angebaut.

Dies hat eine lange Tradition, denn der Namensgeber des Nikotins, der französische Botschafter am portugiesischen Hof Jean Nicot (1530-1604), führte den Bauerntabak Ende des 16. Jahrhunderts als Heilpflanze in Frankreich ein, womit er beachtliche Heilerfolge erzielte. Er schaute es zunächst den amerikanischen Ureinwohnern ab, die das Blatt zu Heilzwecken oder im Rahmen ritueller Gebräuche kauten, rauchten oder schnupften. Die erste Anwendung in Europa war dann auch das Schnupfen, das sich gegen Kopfschmerzen als besonders wirksam erwies. Heute findet Nikotin wieder in der Homöpathie Beachtung, wo stark verdünnte Präparate erfolgreich gegen Übelkeit und Erbrechen, Schweißausbrüche, Schwindel oder Herzrasen verabreicht werden. Unsere Großeltern wissen außerdem noch von der heilenden Wirkung der Tabakblätter, die bei Insektenstichen und als schmerzstillendes Mittel bei Verletzungen auf die entsprechende Stelle gepresst wurden.

Verschiedene Forschergruppen gehen heute sogar soweit, den Tabakanbau für die Gewinnung von Nahrungsmitteln zu nutzen: Aus den Blättern lassen sich große Mengen cholesterin- und salzfreier Proteine und Eiweiße extrahieren, die als Nahrungsergänzung in Regionen verwendet werden können, in denen Ernährungsmangel herrscht. Vorbereitungen zur Zulassung als kalorienarmer Zusatz in Mayonnaise und Schlagsahne sind im Land der unbegrenzen Möglichkeiten bereits angelaufen.


Ist Shisharauchen schädlich?
Warum die Berichterstattung so negativ ist



Dampf oder Rauch? Eine WHO-Studie weiß Bescheid...

Die Berichterstattung über das Shisharauchen war in letzter Zeit überwiegend negativ. Sie beruht weitgehend auf einer Empfehlung der renommierten World Health Organization (WHO) mit dem Titel Advisory Note - Waterpipe Tobacco Smoking: Health Effects, Research Needs and Recommended Actions by Regulators (übersetzt: "Empfehlung über das Rauchen von Wasserpfeifentabak: Gesundheitliche Folgen, Forschungsbedarf und Handlungsvorschläge für Behörden".) Demnach soll eine Shisha-Sitzung beispielsweise mehr Rauch über eine längere Zeitdauer freisetzen als eine Zigarette, umgekehrt müssten 100 und mehr Zigaretten geraucht werden, um den Rauch einer Wasserpfeife zusammen zu bekommen. Oder in oberflächlichen Journalismus übersetzt: Liebe Eltern, lasst eure Kids lieber Zigarette rauchen statt Shisha, das ist gesünder!

Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man diese Studie als Satire abhaken. Allerdings berufen sich alle Instanzen vom ARD-Fernsehdoktor bis zum Lokaljournalisten darauf und geben deren Inhalte wieder. Um einige Fakten klar zu stellen: In einer Zigarette verbrennt der Rauch aus etwa einem Gramm Tabak. Der Shishatabak verbrennt nicht, sondern wird ausgedampft und enthält 50-70% Melasse, Honig und Feuchthaltemittel. Die übrigen 30-50% Tabak enthalten 80% Wasser und nicht 18% wie der handelsfähige Zigarettentabak. Allein auf Grundlage dieser überschlägigen Berechnung gehen je Zigarette 0,82 Gramm Tabaktrockenmasse innerhalb von 5-7 Minuten in Rauch auf, während bei einer üppigen 5-Gramm-Shishaladung mit 0,3-0,5 Gramm Tabaktrockenmasse gerade einmal die Hälfte dessen ausgedampft wird, also zu 95% in Wasserdampf aufgeht, kaum Kondensat enthält und über etwa eine Stunde gemütlich inhaliert wird.

Die Kompetenz hinter dieser Studie erstreckt sich in Alan Shihadeh, Maschinenbau-Assistent an der Amerikanischen Universität Beirut, sowie Dr. Thomas Eissenberg, Psychologie-Assistent an der Virginia Commonwealth University. Die Studie hat schwere handwerkliche Fehler, so fehlen klar definierte Vergleichsgrundlagen wie beispielsweise die Tabaktrockenmasse. Die gesundheitlichen Effekte des Shisha-Blubberns werden überhaupt nicht untersucht, auf den Unterschied zwischen Shishadampf und Zigarettenrauch geht die Studie erst gar nicht ein. Dampf setzen die Autoren mit Rauch gleich.

So wird die Antwort auf die Frage, ob Shisha-Rauchen schädlich ist, noch einige Jahre mit Vorurteilen belastet sein. Wer Tabak nicht selber in der Wohnung oder im Garten anbaut, hat in dieser Serie zumindest einige Einblicke in eine Jahrhunderte alte Tradition der liebevollen Pflege und Verarbeitung dessen gewonnen, was Natur und Kultur hervorgebracht haben. Wer es zumindest versucht hat, wird den Shishatabak heute mit anderen Augen sehen und andere Ansprüche stellen. Wie schon der alte Goethe gesagt hat: Man sieht, was man weiß!


Die zitierte WHO-Empfehlung (englisch):
http://www.who.int/tobacco/global_interaction/tobreg/waterpipe/en/

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